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Interview von Karin Pollack mit Lawrence Lessig

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Interview. Lawrence Lessig, amerikanischer Verfassungsrechtler, Cyberlaw-Experte und Verfasser einer Expertise im Microsoft-Kartellrechtsverfahren, über die verlorene freie Netzkultur, die Macht der Wirtschaft und die Amerikanisierung der Welt.

"Wir leben in einer Hollywood-Version der Sowjetunion"

Interview Karin Pollack Fotos Michael Warren Illustration Rudi Aigelsreiter

Cover

Als Lawrence Lessig 1997 aufgefordert wurde, eine Expertise im Microsoft-Kartellrechtsverfahren zu verfassen, lehrte er gerade am Institut für Verfassungsrecht in Harvard. Zwar hatte er sich bis dahin noch wenig in Sachen Internet-Recht hervorgetan, aber seine Kundigkeit in Technikfragen, seine in Yale stattfindenden Cyberlaw-Seminare und sein während der Gerichtsjahre erworbener Ruf als unbeirrbarer Verteidiger von Konsumentenrechten hatten ihm diese Ehre zuteil werden lassen. Die Microsoft-Anwälte versuchten, ihn in der Luft zu zerreißen, doch Lessig ließ sich nicht beirren. Korrekt und präzise erledigte der eher konservative und bedachte Verfassungsrechtler seine Aufgabe. Nicht erst seit damals verteidigt er die Rechte im Cyberspace mit Leidenschaft. HOMEPAGES hat den Stanford-Professor während eines Wien-Aufenthalts getroffen und mit ihm über Status quo und Zukunft des Internet gesprochen:


HOMEPAGES: Herr Lessig, Sie gelten als Kapazität auf dem Gebiet des Internet-Rechts. Wie definieren Sie den Cyberspace eigentlich?

Lessing: Für mich ist der Begriff sehr weit gefasst. Alles, was man in einer Welt erleben kann, die auf elektronischer Basis gebaut ist und auf dem Internet-Protokoll TCP/IP beruht, gehört dazu, also jede Art von Information im World Wide Web, E-Mail oder Chats.

HOMEPAGES: Was waren die Voraussetzungen dafür, dass dieser Raum auf elektronischer Basis entstehen konnte?

Lessing: Erbaut wurde er von ein paar Technikern in den 70er Jahren, die von der Regierung den Auftrag bekamen, Computer miteinander kommunizieren zu lassen. Schließlich hatte man viele Millionen in Computer investiert und wollte dieses Potenzial auch nutzen.

HOMEPAGES: Wer hatte in den 70er Jahren überhaupt Interesse daran?

Lessing: Niemand, es war nur die Regierung. Von Unternehmensseite war man eher daran interessiert, die proprietären Systeme, die gegeneinander nicht in Konkurrenz traten, zu erhalten. Doch die Regierung setzte sich durch und beauftragte Techniker, ein allgemein verständliches Netzwerk-Protokoll zum Austausch von Daten zwischen Computern zu schreiben.
 

"Die Leute sagen, das Internet wäre eine große Revolution.
Ich glaube, dass alles dort wertloses Zeug ist."


HOMEPAGES: Wofür sollte dieses Netzwerk-Protokoll den verwendet werden?

Lessing: Das war damals eben vollkommen unklar. Und weil man keine Ahnung hatten, wozu es verwendet werden sollten, gestalteten die Techniker das System so simpel wie nur möglich. Denn je einfacher etwas gestrickt ist, umso universeller ist es ja auch verwendbar. Was dabei heraus kam, war eine so genannte End-to-end-Lösung, das heißt ein Netzwerk, in dem alle Intelligenz in den Anwendungen, nicht im System ist. Das Netzwerk ist neutral und offen für jede Art von Innovation.

HOMEPAGES: Und nur durch diese Struktur wurde es später auch erfolgreich ...

Lessing: Im Prinzip ja, das ging aber nicht so schnell. Zunächst wurden nur Universitäten miteinander vernetzt, die Regierung zwang die Forschung fast, es zu nutzen. E-Mail wurde dann die erste wirklich durchschlagende Anwendung. Und als Tim Berners-Lee am CERN es mit der Hypertext Markup Language (HTML) schaffte, Websites miteinander zu vernetzen, war der wirklich große Schritt getan.

HOMEPAGES: Aber dann eroberte die Wirtschaft das Internet?

Lessing: Netscape war es gelungen, seinen Browser im World Wide Web zu verbreiten. Und plötzlich erkannten eine Reihe von Leuten, dass im Internet ein hoch kompetitiver Markt entstanden war, der für die Interessen etablierter Unternehmen gefährlich war. Zu denen, die das erkannten, gehörten Microsoft, Telekom-Unternehmen außerhalb der Vereinigten Staaten und viele Unternehmen, die man heute als Content-Provider, also Inhalts-Lieferanten, bezeichnen würde.

HOMEPAGES: Bedrohung? Wie konnte das Internet diesen Unternehmen damals gefährlich werden?

Lessing: Microsoft erkannte, dass das Internet eine Bedrohung ist, weil es eine neue Plattform außerhalb der Windows-Welt war. Die Telekommunikationsunternehmen empfanden das Internet als Bedrohung, weil es den Menschen die Möglichkeit gab, ganz billig miteinander zu kommunizieren. Das passte nicht in die monopolistischen Preisstrukturen und war eine Gefahr für die bis dahin unangefochtenen Einkünfte dieser großen Telekom-Unternehmen. Und die Musikindustrie und Content-Provider wurden sich bewusst, dass das Internet eine einzigartige Möglichkeit bot, Inhalte ohne ihre Kontrolle zu erstellen und gleich dort auch zu vertreiben.

HOMEPAGES: Und welche Maßnahmen haben diese vom Internet bedrohten Unternehmen dann ergriffen?

Lessing: Sie haben begonnen, die dem Internet zugrunde liegenden Codes und die rechtlichen Rahmenbedingungen zu ihrem Schutz zu ändern. Microsoft war darin bereits erfolgreich, die Telekom-Anbieter sind vor allem im Kabel- und Breitbandbereich auf dem Vormarsch. Und die Musikindustrie, die hat wohl bereits am eindeutigsten gesiegt. Zwar sagen die Leute heute immer noch, das Internet wäre eine große Revolution, ich aber glaube, dass das alles dort heute schon vollkommen wertloses Zeug ist. Es ist vorbei. In fünf Jahren werden wir zurückschauen und uns fragen, warum je einer dachte, das Internet wäre etwas weltbewegend Neues gewesen.
 

"Das Recht auf geistiges Eigentum war niemals das Recht auf Kontrolle."


HOMEPAGES: Sie sagten unlängst, das Internet hätte unsere Kultur revolutionieren können - was meinten Sie damit?

Lessing: Am besten lässt sich das im Zusammenhang mit der Musik-Industrie verdeutlichen. Napster.com, emusic.com oder mp3.com sind da wohl die prominentesten Beispiele. Dort hatten Menschen, die in den existierenden konventionellen Bahnen der Musikindustrie keine Chance hatten, plötzlich die Möglichkeit, ihre Musik zu veröffentlichen. Es war alles ganz einfach. Man nahm ein Lied auf, stellte es auf die Website. Dort konnten es sich andere anhören, es weiterempfehlen. Und wenn ein Stück Anklang fand, dann rutschte man in die Charts, und wenn man da drinnen war, wurde man von den Online-Betreibern bezahlt. Denn schließlich war es das Lied, das viele Leute auf die Site brachte. Das war eine neue Art der Musikindustrie, und sie funktionierte anders als bei den traditionellen Musik-Labels. Nur die traditionellen Musik-Labels hatten kein Interesse daran, schließlich investieren sie ja Hunderte Millionen Dollar, um einen einzigen Star, Britney Spears zum Beispiel, aufzubauen.

HOMEPAGES: Deshalb wurde Musik-Sites dann abgewürgt?

Lessing: Ja, die Musikindustrie begann systematisch, solche Online-Music-Unternehmen zu klagen. Die Lektion war klar: Wer versucht, neue Vertriebswege für Online-Inhalte zu etablieren, der handelt sich damit auch Gerichtsverfahren ein. Das haben auch die Venture-Capital-Geber sehr schnell erkannt und ihre Geldmittel gestoppt. Und damit war es geschafft. Heute haben die Musikkonzerne ihre Kontrolle zurück, mp3.com wurde von Vivendi gekauft, Bertelsmann hat Napster übernommen. Zwar gibt es Online-Musik weiter, aber die große Revolution wurde abgewehrt, weil die Anwälte der etablierten Musik-Konzerne alte Gesetze auf ein neues Medium angewendet haben. Musik-Konzerne kontrollieren heute jede Innovation.

HOMEPAGES: Aber schließlich wurde in diesen Börsen doch auch urheberrechtlich geschützte Musik getauscht?

Lessing: Ja, aber man hätte einen Weg finden können, die durch Online-Musikseiten entstandenen Einkommensverluste zu kompensieren. Denken Sie an die Kabel-Firmen. Sie entstanden überhaupt erst dadurch, dass sie Content von anderen nahmen und verkauften. Und deswegen hat sich der amerikanische Kongress dann eines Tages zusammengesetzt und sie gezwungen, für den Content auch zu zahlen. Der Kongress hat ihnen damit ein Recht zugesprochen, diesen Content auch zu verwenden, eine Zwangslizenz also, die ihnen die Möglichkeit einräumte, ihre innovative Strategie fortzusetzen, ohne dass sie von den großen Rundfunkstationen kontrolliert wurden. Dasselbe hätte auch bei der Online-Musik-Szene passieren können. Der Kongress hat diesmal einfach nur nicht schnell genug reagiert, hat kein Gesetz für diese neue Situation erlassen.

HOMEPAGES: Was genau hätte die Regierung nun also veranlassen sollen?

Lessing: Im Zusammenhang mit der Urheberrechts-Gesetzgebung sollte die Legislative so etwas wie eine Zwangslizenz für urheberrechtlich geschütztes Material vorsehen. Ein bestimmter Fixpreis dafür wäre eine Möglichkeit. Denn momentan hat ja der Urhebeber das Exklusivrecht zu entscheiden, was mit seiner Musik passiert. Aber betrachtet man die Musik in ihrer Gesamtheit, dann sind 75 Prozent der durch Copyright geschützten Werke ja gar nicht mehr am Markt, weil die Platten-Labels überhaupt nicht daran interessiert sind, ein so riesiges Angebot zu vermarkten.

HOMEPAGES: Das wäre also eine neue zusätzliche Einnahmequelle auch für die Musik-Industrie gewesen?

Lessing: Genau, ich meine Musik, die man irgendwo auf der Welt in irgendwelchen Plattengeschäften aufstöbert. Ein Sinatra-Fan könnte eine Website mit den MP3-Songs ins Netz stellen und gäbe es diese Zwangslizenz, mit der Musik-Labels ja auch Geld verdienen. Damit ließen sich innovative vertriebliche Geschäftsmodelle etablieren. Historische Beispiele dafür gibt es ja.

HOMEPAGES: Auf welche historischen Beispiele nehmen Sie Bezug?

Lessig: Auf die Piano-Rolle, also ein Klavier, das durch eine bestimmte Papierstanz-Technik selbstständig Musik spielen konnte. Die, die Noten produzierten, waren empört. Denn war ein Musikstück einmal auf diese Rolle gebracht, dann war es eigentlich eine Aufzeichnung und von da an vom Original unabhängig. Der Musiker, der seine Musik auf Papier geschrieben hatte, ging von da an leer aus. Damals regelte der Kongress die Situation, indem er das so genannte "Mechanische Reproduktionsrecht" verabschiedete. Es besagte, dass ein einmal aufgenommenes Musikstück auch von anderen unter der Voraussetzung verwendet werden darf, dass dem Komponisten ein bestimmter Fixpreis dafür bezahlt wird. Das Urheberrecht wird durch diese Zahlungen gesichert, und ein Musikstück lebt weiter.
 

Zur Person

Lawrence Lessig, 39, wurde 1961 in South Dakota geboren und wuchs als Sohn eines Stahlfabrikanten in Williamsport, Pennsylvania auf. Er studierte in Yale Rechtswissenschaften. Nach Abschluss seines Studiums 1989 arbeitete er zwei Jahre am Berufungsgericht bei Richter Richard Posner und am Obersten Gerichtshof bei Antonin Scalia. Von 1991 bis 1997 lehrte er am Institut für Verfassungsrecht in Harvard. Seit 1997 arbeitet er an der Universität Stanford. Zusammen mit Charles Nesson hat er dort das Berkman Center für Internet & Gesellschaft aufgebaut. Als Gast-Kommentator schreibt Lessig unter anderem für die New York Times, das Wall Street Journal und Wired. Lessig ist mit der deutschen Menschenrechts-Anwältin Bettina Neuefeind verheiratet.


HOMEPAGES: Wer könnte hier die Dinge verbessern?

Lessig: Das ist genau der Punkt, an dem sich bei mir eine große Hoffnungslosigkeit breit macht. Denn man hätte doch denken können, dass 60 Millionen Napster-User eine starke Kraft sind, die Dinge auch beeinflussen oder verändern zu können. Aber nichts davon ist passiert. Denn es gibt da diese Apathie der Leute, die in Demokratien leben. Und Napster kam vor Gericht, die Napster-User lehnten sich zurück, hörten zu, als die Anwälte der Musikkonzerne sagten, "es ist Diebstahl, was ihr da macht, denn es ist unser Content, den ihr kopiert". Niemand hat etwas unternommen.

HOMEPAGES: Es geht also auch um die Frage, was geistiges Eigentum eigentlich ist?

Lessig: Ja, denn die Anwälte in den Napster-Verfahren setzten ihr Recht auf Content mit geistigem Eigentum gleich, so als ob es ein Auto wäre, um das es hier geht. Und daraus entstand natürlich Verwirrung. Das Recht auf geistiges Eigentum war niemals das Recht auf Kontrolle. Es war ein zeitlich begrenztes Recht. Nach Ablauf dieser Zeitspanne können andere es weiter verwenden, ein kultureller Kanon entsteht.

HOMEPAGES: Wenn man das Modell mit der Musik-Industrie bis ans Ende durchdenkt und sich vorstellt, dass es eines Tages vielleicht gar keine CDs zum Tauschen mehr gibt, ergibt sich eine düstere Vision ...

Lessig: Genau das ist die Gefahr für unsere Kultur. Denn die Musikindustrie kann im Cyberspace bestimmen, was gehört wird. Und nicht nur das. Mit der Technologie kontrolliert sie auch. Und das ist der Unterschied zur Realität, also zum Nicht-Cyberspace? Alles, was man dort in seinem kulturellen Umfeld macht, ist nicht überwacht. Man borgt einem Freund eine CD, vielleicht kopiert er sie auch, niemand beobachtet oder verfolgt das. Im Cyberspace schon. Und weil große Teile unseres kulturellen Schaffens in den Cyberspace transferiert werden, wird Kultur gesteuert und überwacht.

HOMEPAGES: Und dasselbe wie in der Musik-Industrie gilt dann auch für Filme, Information im weitesten Sinne, für Software. Einige wenige Konzerne werden bestim-men ...

Lessig: Die meisten Menschen denken, die größte Gefahr im Cyberspace läge in der Bedrohung der Privatsphäre. Die Infrastruktur ist heute so, dass man tatsächlich sehr einfach beobachten kann, was jemand im Internet macht. Da tauchen dann meist Orwells Visionen aus "1984" auf. Doch was dort beschrieben ist, schützt ja im Vergleich zum Internet die Privatsphäre. In "1984" gab es ja nur einen Bildschirm im Haus, man wusste, wo er war, konnte sich davor verstecken. Und die, die auf der anderen Seite beobachteten, hatten ja Hunderte und Tausende solcher Bildschirme zu überwachen, und deshalb konnte man annehmen, dass sie nie alles gleichzeitig im Auge haben konnten.

HOMEPAGES: Worauf wollen Sie hinaus?

Lessig: Der Cyberspace ist effizienter, denn man weiß einfach nicht, wann und wo man überwacht wird. Man weiß nicht, ob man von einem Menschen oder einer Maschine beobachtet wird und welche Daten die Maschine sammelt. Um genau zu sein, weiß ich nicht, wie schrecklich so etwas sein kann. Ich glaube aber, dass es das Potenzial für eine große Gefahr in sich birgt.

HOMEPAGES: Auf der anderen Seite ist gezielte Kommunikation dadurch möglich ...

Lessig: Ja, denn wenn ich mich nicht für Pornographie interessiere, werde ich auch nicht mit entsprechenden Werbe-Mails bombardiert. Amazon.com kennt mich besser als meine Frau, denn die Bücher, die man mir dort anbietet, interessieren mich fast immer. Eine Maschine macht die Vorschläge. Mir ist wichtig, dass man sich der Gefahren solcher Systeme bewusst ist.

HOMEPAGES: Warum?

Lessig: Weil es eine Frage der kulturellen Freiheit ist. Aber wir leben hier in einer Hollywood-Version der Sowjetunion. Es ist nicht Stalin, der uns sagt, wie Geschichten zu erzählen sind, sondern der Disney-Konzern macht die Vorgaben. Wir waren so stolz, den Kalten Krieg gewonnen zu haben. Aber die Kontroll-Mechanismen, die wir im Kommunismus abgelehnt haben, tauchen heute als staatliche Machtausübung wieder auf. Der Staat unterstützt extrem mächtige Konzerne, und letztendlich sind es sie, die uns sagen, was wir tun und lassen sollen.

HOMEPAGES: Und in Zeiten des Internet ist dieser Einfluss umso nachhaltiger?

Lessig: Natürlich, das Internet wird ja zusehends ein integrativer Bestandteil des Lebens. Die Leute arbeiten, kaufen, haben Freunde im Internet. Und weil es auf Basis einer standardisierten Technologie existiert, kann man dieses Leben dort kontrollieren. Es kontrollieren einige wenige, die im Namen der Liberalität und des Urheberrechtsschutzes auch vom Staat die Rückendeckung bekommen. In der Sowjetunion konnte man eine Geschichte, ein Musikstück oder einen Film letztendlich nicht so kontrollieren wie in den Vereinigten Staaten heute.

HOMEPAGES: In einem Vortrag, den Sie unlängst im Rahmen von "Chaos Control" in Wien gehalten haben, sagten Sie, dass Europa in Bezug auf die Zukunft des Internet eine wichtige Rolle spielen könnte. In welcher Hinsicht?

Lessig: Wenn ich hier ein Politiker wäre, dann wären mir vor allem zwei Punkte sehr wichtig: Der eine wäre, der Amerikanisierung der Welt Einhalt zu gebieten, denn das ist es, was momentan passiert. Und dann ist da diese obsessive amerikanische Überzeugung, dass Eigentum heilig ist. Und das ist der zweite Punkt, dem Europa etwas entgegensetzen könnte. Hier gibt es eine lange Tradition des Ausgleichs, des Mittelwegs in Vertrags- und in Eigentumsrechten. Ironischerweise ist es gerade das Recht auf geistiges Eigentum, in dem Europa keinen Mittelweg eingeschlagen hat. Hier begreift man es viel mehr als ein natürliches Recht. Irreführend ist, dass in der europäischen Tradition das Recht auf geistiges Eigentum als ein natürliches Recht des Urhebers, des Autors aufgefasst wird. In dieser Auslegung würden mich auch eine stärkeres Recht auf geistiges Eigentum nicht stören, denn es bezieht sich auf den Autor, nicht auf den Verleger oder Herausgeber. Eine Kombination aus Skepsis gegenüber dieser "Eigentum-über-alles"-Vision und eine stärkere Anerkennung des Autors gegenüber dem Verleger - das ist theoretisch Europas Potenzial.

HOMEPAGES: Theoretisch?

Lessig: Ja, denn man ist sich dessen hier ja nicht bewusst. Die letzte Richtlinie der Europäischen Union in Hinsicht auf die Urheberrechte war absurd. Gesetzwerdungsprozesse sind auch hier so weit von den Bürgern weg, dass es mächtigen Lobbys leicht fällt, hier Einfluss zu üben und ihre Interessen durchzusetzen.

HOMEPAGES: Also Wirtschaft und ihre Regierungen arbeiten Hand in Hand?

Lessig: Es gab da immer einen verwirrenden Faktor. Und das war die Euphorie auf beiden Seiten. Die neoliberalen Kräfte in Amerika waren ja immer stolz darauf, etwas gebaut zu haben, was der Staat nicht regulieren konnte. Das allerdings lag an der Architektur des Cyberspace. Doch das kann durch kleine Änderungen modifiziert werden. Und der Staat hat die Möglichkeiten zur Regulierung zurück. Die Wirtschaft macht das gerade.

HOMEPAGES: Und nur dann ist ein Unternehmen im Cyberspace heute erfolgreich?

Lessig: Dann, wenn es bestehende und existierende Interessen unterstützt. Microsoft ist das zum Beispiel gelungen. Es hat Macht auf dieser neuen Plattform, und sie wird in jeder kommenden Generation noch viel stärker werden. Die Content-Industrie hat wieder Kontrolle über die Inhalte, und die Breitband-Anbieter entscheiden, wie sie das Netz weiter ausbauen werden.

HOMEPAGES: Und was, wenn man dem Einhalt geboten hätte?

Lessig: Es gäbe viel mehr Software, die plattformunabhängig ist. Es ist doch auch seltsam, dass die Öffentliche Verwaltung und Regierungen nicht Open-Source-Software unterstützen, sondern im Gegenteil Microsoft-Produkte verwenden. Das soll nicht heißen, dass Microsoft verbannt werden soll, aber die Entscheidungsträger sollten sich doch bewusst sein, dass Microsoft ohnehin schon viel auf der Welt kontrolliert.

HOMEPAGES: 1997 haben Sie eine Expertise für Richter Jackson im Microsoft-Kartellverfahren geschrieben. Mittlerweile ist viel passiert. Wie denken Sie heute über das Gerichtsfahren um Microsoft?

Lessig: Ich sehe der Zukunft hier recht düster entgegen. Denn würde der Fall gegen Microsoft von der Regierung fallen gelassen werden, dann wird Microsofts ".NET-Strategie" voll greifen und Microsoft wird in Zukunft eine Macht haben, die im Vergleich zu heute lächerlich ist.

HOMEPAGES: Was wünschen Sie sich deshalb?

Lessig: Es sollten die Bürger sein, die ihre Regierungen beeinflussen, kreativer und umfassender zu denken. Regierungen sollten neutrale Plattformen unterstützen, denn es ist der Code, der das eigentliche Gesetz ist. Und ein Code sollte keinem einzelnen Unternehmen gehören. De facto ist das aber schon so, wir marschieren zielstrebig in eine kontrollierte Zukunft.
 

An der Basis

Wer das Internet versteht, muss die Fakten kennen.

Wenn Lawrence Lessig über den Cyberspace schreibt, kombiniert er sein Spezialgebiet Verfassungsrecht mit seinem Wissen über die technischen Grundlagen, auf deren Basis der virtuelle Raum aufbaut. Er kommt zu erstaunlichen Erkenntnissen. Vor dem Hintergrund der Programmiercodes und Netzwerkarchitektur müssten - so argumentiert Lessig - Fragen des Urheberrechts, des Rechts auf freie Meinungsäußerung, des Schutzes der Privatsphäre und der Regulierbarkeit dieser Systeme auf ganz neue Weise betrachtet werden. Simpel, plastisch und anhand ausgewählter juristischer Fragestellungen und Beispiele erläutert er seine Thesen, lässt Argumente aufeinander prallen und exemplifiziert damit die Komplexheit der Materie. Mit großem didaktischen Feingefühl initiiert er Denkprozesse, die von einem Juristen für Juristen gedacht sind. Denn eines ist klar: Dass es beim Blick hinter die Kulissen vor allem auch um die Frage der Macht im Netz geht, macht Lessigs Buch nicht zuletzt auch gesellschaftspolitisch interessant. In der Frage nach der Verquickung von Staat und Wirtschaft, Code und Kommerz bezieht Lessig klar Stellung gegen die mittlerweile fast uneingeschränkte Vorherrschaft einiger weniger multinationaler Konzerne. Viele seiner Beobachtungen und Thesen haben sich - bedingt durch die zweijährige Verzögerung, mit der das Buch in Deutschland erscheint - mittlerweile als richtig herausgestellt. Umso mehr ist "Code und andere Gesetze des Cyberspace" ein Muss für alle, die heute in der Welt des E-Commerce mitreden wollen.

Lawrence Lessig. Code und andere Gesetze des Cyberspace. Berlin Verlag. 400 Seiten, öS 263,-


 

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